Men­schen ver­ges­sen was du gesagt und getan hast

25. Januar 2013
von Redaktion

Sie ver­ges­sen aber nie, wie sie sich dabei gefühlt haben. (Maya Ange­lou)

Arns­berg (Hoch­sauer­land) – Mari­ta Ger­win – Eine Bil­der­buch­ge­schich­te aus dem Leben!

Es ist ein Wet­ter, wie im April. Schnee­schau­er und Son­nen­schein wech­seln sich ab. Nach dem Kar­ne­vals-Umzug der Jecken in Arns­berg erst ein­mal ein­keh­ren in die klei­ne Kon­di­to­rei in der Alt­stadt. Auf­wär­men ist ange­sagt. Ich möch­te mir genüss­lich einen Kaf­fee trin­ken und dazu einen lecke­ren Kuchen ver­put­zen. Mir läuft schon das Was­ser im Mund zusam­men. Ich gehe zur Kuchen­the­ke und ent­de­cke dort ein pink­far­be­nes, zucker­sü­ßes Mar­zi­pan-Schwein. Es grinst mich an. Dane­ben sitzt, wie auf dem Prä­sen­tier­tel­ler, ein Herr mit kugel­run­den Mond­ge­sicht, Schmoll­mund und einer grü­nen Knol­len­na­se. Zwei zucker­sü­ße, klei­ne Kunst­wer­ke des Kon­di­tor­meis­ters. Zum Rein­bei­ßen viel zu scha­de, die­se zwei klei­nen Ker­le.

Mei­ne Phan­ta­sie bekommt Flü­gel. Ich stel­le mir vor, der kugel­run­de „Herr  auf dem Tablett” singt vor sich hin:  „Kein Schwein ruft mich an. Kei­ne Sau inter­es­siert sich für mich. Solan­ge ich hier wohn’, ist es fast wie Hohn, schweigt das Tele­fon. Kein Schwein ruft mich an. Kei­ne Sau inter­es­siert sich für mich. Und ich fra­ge mich, denkt gele­gent­lich jemand mal an mich.…”

Die­ser welt­be­kann­te Song von Max Raa­be kommt mir in den Sinn, als die­se zwei zucker­sü­ßen „Teil­chen“ vor mir ste­hen. Froh gelaunt sum­me ich die­se Melo­die vor mich hin. So ver­trei­be ich mir die Zeit, denn ich bin noch nicht an der Rei­he.

Neben mir an der Kuchen­the­ke steht etwas ori­en­tie­rungs­los drein­bli­ckend eine net­te alte Dame mit einem kecken Hüt­chen auf dem Kopf und Luft­schlan­gen um den Hals. Sie trip­pelt unge­dul­dig auf der Stel­le hin und her. Arm in Arm steht sie dort mit ihrer sicher­lich 20 Jah­re jün­ge­ren Beglei­te­rin, die sich rüh­rend um die Frau küm­mert. Sie redet beru­hi­gend auf die alte Dame ein. Zu mir gewand sagt sie: „Das ist Thea, mei­ne Nach­ba­rin. Ihr Herz schlägt für den Kar­ne­val. Da hab ich sie ein­fach von Zuhau­se abge­holt und mit­ge­nom­men. Wir hat­ten so viel Spaß. Vie­le Leu­te ken­nen sie noch aus ihrer akti­ven Zeit als Kar­ne­va­lis­tin. Kei­nen Umzug hat sie ver­passt, als sie noch fit war“,  erklärt mir die Beglei­te­rin „80 Jah­re ist Thea nun schon. Ihr Mann ist ver­stor­ben und die Kin­der leben weit weg. Sie ist demenz­krank und lebt in einer Pfle­ge-Wohn-Gemein­schaft mit sie­ben ande­ren Men­schen zusam­men. Allein schaff­te sie das alles nicht mehr. Aber ich besu­che sie so oft ich kann. Und neh­me sie ein­fach mit, wenn es ihre Tages­form erlaubt.  So ist und bleibt sie mit­ten­drin und steht nicht außen vor, nur weil sie an Demenz erkrankt ist.“

Ich bin gerührt und fas­zi­niert zugleich.  Es klingt so selbst­ver­ständ­lich. Ist es aber nicht!

Zusam­men über­le­gen die bei­den Freun­din­nen gera­de, wel­chen Kuchen sie für ihren „Kaf­fee­klatsch Zuhau­se“ aus­wäh­len möch­ten. „Sol­len wir die Sah­ne­schnitt­chen oder die lecke­ren Ber­li­ner neh­men?“, fragt  die Nach­ba­rin.  „Hel­au, Hel­au, Hel­au“, ant­wor­te­te die alte Dame. „Was der Son­nen­schein für die Blu­me ist, ist das lachen­de Gesicht für den Men­schen“, rezi­tiert sie einen Spruch, der ihr gera­de in den Sinn kommt. Woher auch immer. Viel­leicht war ihr gera­de danach. Die Nach­ba­rin lächelt sie ver­ständ­nis­voll an und trifft kur­zer­hand allein die Ent­schei­dung „Wir neh­men die Sah­ne­schnitt­chen und gut ist es.“„Ja, gut ist es“, ant­wor­tet Ihre Freun­din zufrie­den. Dann wen­det  sich die alte Dame mir zu. Ich pfei­fe gera­de lei­se immer noch mei­ne Melo­die vor mich hin  „Kein Schwein ruft mich an.…“

Ungläu­big und ein wenig skep­tisch schaut sie mich von der Sei­te aus an. „Ken­nen wir uns? Hab ich sie nicht schon mal gese­hen? Woh­nen Sie nicht auch in der Ring­stra­ße?,  fragt sie mich unver­blümt, ohne auf mei­ne Ant­wort zu war­ten. Die Dame rückt näher zu mir her­an,  um zu lau­schen, wel­che Melo­die ich da so vor mich hin pfei­fe. „Was sum­men sie denn da? Das kenn ich doch“. Plötz­lich lächelt sie mich an und singt völ­lig unge­niert mit glo­cken­kla­rer Stim­me:  „In einer klei­nen Kon­di­to­rei, da saßen wir zwei bei Kuchen und Tee. Du sprachst kein Wort, kein ein­zi­ges Wort und wuss­test sofort, dass ich dich ver­steh. Und das elek­tri­sche Kla­vier, das klim­pert lei­se eine Wei­se von Lie­bes­leid und Weh…”   Ich ste­he an der Kuchen­the­ke neben der fröh­li­chen Dame und muss unwill­kür­lich lachen. Und nicht nur ich. Sowohl ihre sym­pa­thi­sche Beglei­te­rin, als auch die Bäcke­rei-Ver­käu­fe­rin­nen  und eini­ge Gäs­te im Café stim­men nach und nach in den Song mit ein. „In einer klei­nen Kon­di­to­rei, da saßen wir zwei bei Kuchen und Tee. Und das elek­tri­sche Kla­vier, das klim­pert lei­se eine Wei­se von Lie­bes­leid und Weh…”

Wie ein spon­ta­ner „flash mob”. Es ist wun­der­bar!  Eine Bil­der­buch­ge­schich­te, wie sie berüh­ren­der nicht sein kann.  Eine Situa­ti­ons­ko­mik, die das Leben schreibt. In einer klei­nen Kon­di­to­rei in Arns­berg.  Film­reif.  Nur der Regis­seur fehlt. Die Dame Thea strahlt in ihrem hoch­be­tag­ten Alter in die­sem Augen­blick ein Glücks­ge­fühl aus, das mich tief beein­druckt. Ihr „show-act” ist büh­nen­reif. Sie hat uns ein Lächeln in die Gesich­ter gezau­bert. Ein­fach so! Dan­ke für die­ses wun­der­ba­re Geschenk! Es sind manch­mal die klei­nen Din­ge, die das Leben so lebens­wert machen.

Men­schen ver­ges­sen, was du gesagt und getan hast. Sie ver­ges­sen aber nie, wie sie sich dabei gefühlt haben. (Maya Ange­lou)