Leser­brief zu Rück­tritts­auf­for­de­rung: „Ich fürch­te der berühm­te ‚ein­fa­che Bür­ger‘ ver­steht das nicht“

26. August 2019
von Redaktion

Sun­derns zwei­ter stell­ver­tre­ten­der Bür­ger­meis­ter: Jür­gen ter Braak (SPD) (Foto: pri­vat)

Sun­dern. Die Rück­tritts­auf­for­de­rung der Frak­ti­on Bür­ger für Sun­dern an Bür­ger­meis­ter Bro­del (SPD) schlägt in der Röhr­stadt hohe Wel­len. Die Vor­wür­fe gegen­über Bro­del möch­te des­sen Stell­ver­tre­ter im Amt, Jür­gen ter Braak (SPD), so nicht ste­hen las­sen. In einem umfang­rei­chen Leser­brief kri­ti­siert er die Vor­ge­hens­wei­se der BfS. Ter Braak: „Ich fürch­te der berühm­te ‚ein­fa­che Bür­ger‘ ver­steht das nicht und wen­det sich zuneh­mend mit Grau­sen“. Hier der Leser­brief im Wort­laut:

„Lie­be Kol­le­gIn­nen Rats­mit­glie­der, wie wäre es, wenn wir mal zur Abwechs­lung wie­der mit Ruhe und im Sin­ne der Bür­ge­rIn­nen von Sun­dern zur Sach­ar­beit zurück­keh­ren?

Erstaun­li­che Din­ge sind ver­öf­fent­licht wor­den

Da sind in den letz­ten bei­den Wochen doch erstaun­li­che Din­ge ver­öf­fent­licht wor­den. Am 15. August wird ein ‚Beschluss auf sofor­ti­ge Aus­zah­lung der aus­ste­hen­den Zuschüs­se (an die Stadt­mar­ke­ting Sun­dern e.G.) per Über­wei­sung auf das Kon­to der Stadt­mar­ke­ting Sun­dern eG inner­halb der nächs­ten fünf Werk­ta­ge‘ gefor­dert – man ach­te auf: per Brief ‚beschlie­ßen die Unter­zeich­ner mit ihrer Mehr­heit im Rat der Stadt Sun­dern die sofor­ti­ge Bereit­stel­lung‘. Ein Rats­be­schluss per Brief, ohne Ein­be­zie­hung und vor­he­ri­ge Debat­te im Rat – so etwas ist mir in den lan­gen Jah­ren mei­ner Tätig­keit als Rats­mit­glied auch noch nicht vor­ge­kom­men. Zumal die­ses The­ma in den letz­ten Rats­sit­zun­gen mehr­fach auf der Tages­ord­nung stand und die Käm­me­rin als für die Umset­zung der Haus­halts­be­schlüs­se ver­ant­wort­li­che Per­son mehr­fach auf die recht­li­chen und haus­halts­mä­ßi­gen Vor­ga­ben hin­ge­wie­sen hat, die eine sol­che ‚sofor­ti­ge Aus­zah­lung‘ aus ihrer Sicht – und nach­voll­zieh­bar – nicht ermög­li­chen. Viel­mehr ist Vor­aus­set­zung dafür eine kon­kre­te Beauf­tra­gung von Mar­ke­ting­maß­nah­men für die Stadt durch den Rat- und die liegt lei­der (noch) nicht vor.

Und nun die Auf­for­de­rung von BfS-Kauf­mann an den Bür­ger­meis­ter zurück­zu­tre­ten. Eine sol­che For­de­rung auf­zu­stel­len ist sicher­lich das Recht einer jeden Frak­ti­on. Wenn man der Mei­nung ist, der von der Mehr­heit der Sun­derner direkt gewähl­te Bür­ger­meis­ter habe sich mas­si­ver Ver­feh­lun­gen schul­dig gemacht, dann müss­te man den in der Gemein­de­ord­nung vor­ge­se­he­nen Weg über einen Rats­be­schluss gehen.

Rück­tritts­auf­for­de­rung Recht einer jeden Frak­ti­on

Schaut man sich die Begrün­dung der For­de­rung an, fragt man sich aber: wo sind hier die Ver­feh­lun­gen? Begrün­det wird die For­de­rung mit der Dis­kus­si­on um den Tig­ges-Platz. Gegen die­se Pla­nun­gen zu sein ist eben­falls gutes Recht eines jeden Rats­mit­glieds. Aber dann soll­te man auch bei den Fak­ten blei­ben: dass Basis die­ser Pla­nun­gen der Ver­wal­tung ein im Rat (fast) ein­stim­mig ver­ab­schie­de­tes Stadt­ent­wick­lungs­kon­zept ist.

Bezo­gen auf den Tig­ges-Platz hat der Rat fol­gen­de Pla­nungs­grund­la­ge beschlos­sen: Pri­mär wird ange­strebt, auf den städ­ti­schen Flä­chen ein Kul­tur- und Bil­dungs­zen­trum zu errich­ten. Dann geht es wört­lich wei­ter: ‚Denk­bar sind dane­ben auch pri­va­te Ange­bo­te aus dem Gesund­heits- (Medi­zi­ni­sches Ver­sor­gungs­zen­trum etc.), Pfle­ge- (Senio­ren­wohn- oder ‑Pfle­ge­heim) oder Wohn­be­reich (z.B. bar­rie­re­frei­er Wohn­raum)… Geplant ist, auch gas­tro­no­mi­sche Ange­bo­te in dem Bereich unter­zu­brin­gen‘.

Auf­ga­be der Ver­wal­tung ist es, Mög­lich­kei­ten zur Umset­zung die­ser Vor­ga­ben auf­zu­zei­gen und dem Rat und sei­nen Gre­mi­en zur Ent­schei­dung vor­zu­le­gen. Genau die­ses hat die Ver­wal­tung gemacht. Und sie hat damit die Dis­kus­si­on dar­über eröff­net, in die Rat und Bür­ger der Stadt ein­be­zo­gen wer­den. Und die­se Dis­kus­si­on – wie soll der Beschluss des Rates kon­kret umge­setzt wer­den? – muss nun geführt wer­den. Dass der dann in den Gre­mi­en ein­ge­schla­ge­ne Weg for­mal ein Feh­ler war, hat der Bür­ger­meis­ter selbst in den letz­ten Tagen zuge­ge­ben.

Der poten­zi­el­le Inves­tor, der – Zitat Kauf­mann – ‚seit 2016 in Sun­dern her­um­geis­tert‘ will an die­ser Stel­le übri­gens kein ‚grö­ße­res Ein­kaufs­zen­trum‘ errich­ten, wie die Stel­lung­nah­me von Herrn Kauf­mann den­ken lässt. Die­se Über­le­gun­gen sind nun wirk­lich ad acta gelegt – so wie es der Bür­ger­meis­ter 2015 ver­spro­chen hat.

Der berühm­te „ein­fa­che Bür­ger“ ver­steht das nicht

Fazit: die Ver­wal­tung ver­sucht, Vor­ga­ben des Rates umzu­set­zen – und das ist nun der Grund, den Rück­tritt des Bür­ger­meis­ters zu for­dern… das ver­ste­he wer will! Ich fürch­te der berühm­te ‚ein­fa­che Bür­ger‘ ver­steht das nicht und wen­det sich zuneh­mend mit Grau­sen.

Was den ‚exor­bi­tant hohen Krank­heits­stand‘ angeht: auch der BfS-Frak­ti­on lie­gen die kon­kre­ten Zah­len vor, die aus­sa­gen, dass der Kran­ken­stand von 2015 (im Okto­ber Amts­an­tritt des neu­en Bür­ger­meis­ters) bis 2018 um ca. 10 Pro­zent gesun­ken ist.

Und wenn ‚Unzu­frie­den­heit und Unmo­ti­viert­heit‘ der Mit­ar­bei­ter beklagt wer­den (zumin­dest Letz­te­res hal­te ich für eine unbe­grün­de­te Unter­stel­lung!), so soll­ten wir Rats­mit­glie­der uns mal fra­gen, inwie­weit unse­re Umge­hens­wei­se mit der Ver­wal­tung und unse­re Art der ‚poli­ti­schen‘ Aus­ein­an­der­set­zung in den letz­ten Mona­ten und Jah­ren dazu mas­siv bei­getra­gen haben“.