Kita-Finan­zie­rung – Auch ein Fall für Finanz-Jongleure?

22. März 2014
von Redaktion

Hoch­sauer­land­kreis. Am 11.03.2014 tag­te im Alfred-Delp-Haus in Bri­lon der Kreis­ju­gend­hil­fe­aus­schuss des Hoch­sauer­land­krei­ses. Bei die­ser Sit­zung ging es u.a. um die Finan­zie­rung der Kin­der­ta­ges­stät­ten (Kitas) in Best­wig, Bri­lon, Eslo­he, Hal­len­berg, Mars­berg, Mede­bach, Mesche­de, Ols­berg, und Win­ter­berg. Für die­se 9 Städ­te und Gemein­den ist das Jugend­amt des Hoch­sauer­land­krei­ses zustän­dig. (Anders ver­hält sich das in Arns­berg, Schmal­len­berg und Sun­dern. Die­se Kom­mu­nen ver­fü­gen jeweils über ein eige­nes Jugendamt.)

Betrieb und Finan­zie­rung der Kin­der­ta­ges­stät­ten in NRW beru­hen der­zeit auf den Rege­lun­gen des Kin­der­bil­dungs­ge­set­zes (KiBiZ). Das von Anfang an höchst umstrit­te­ne Gesetz wur­de 2007 von der frü­he­ren schwarz-gel­ben NRW-Lan­des­re­gie­rung ein­ge­führt. Auch nach bei­na­he 7 Jah­ren erfreut es sich bei den Trä­gern der Jugend­hil­fe offen­bar immer noch kei­ner gro­ßen Beliebt­heit. Das liegt viel­leicht am kom­pli­zier­ten „Strick­mus­ter“? Ein neu­es „Mus­ter“ ist sicher nicht die schlechts­te Idee!
Zu den Begriff­lich­kei­ten: Das KiBiz unter­schei­det zwi­schen Kin­dern im Alter von unter 3 Jah­ren (U3) und Kin­dern im Alter von über 3 Jah­ren (Ü3). Eltern müs­sen sich früh­zei­tig zwi­schen einer wöchent­li­chen 25‑, 35- oder 45-Stun­den-Betreunng ent­schei­den. Die Finan­zie­rung erfolgt über soge­nann­te Kind­pau­scha­len. Die kor­re­spon­die­ren wie­der­um mit drei ver­schie­de­nen Grup­pen­ein­tei­lun­gen: Grup­pen­form (GF) I, II und III. Die Kind­pau­scha­len in den drei (vir­tu­el­len) Grup­pen sind höchst unter­schied­lich. Ein Bei­spiel: Ist ein U3-Kind der Grup­pen­form I zuge­ord­net, erhält die Kita für je ein „45-Stun­den-U3-Kind“ 8.058,41 Euro. Wür­de das glei­che Kind jedoch der Grup­pen­form II zuge­teilt, bekä­me die Kita – wohl­ge­merkt für den glei­chen Per­so­nal- und Sach­auf­wand – mehr als den dop­pel­ten Betrag, näm­lich 16.636,96 Euro. Die Grup­pen­ein­tei­lung nach I, II und III nimmt das Jugend­amt vor und legt dann die Pla­nun­gen ein­mal jähr­lich dem Kreis­ju­gend­hil­fe­aus­schuss zur Bera­tung und Ent­schei­dung vor. Und genau dar­um ging es bei der Sit­zung am 12.03.2014 in Brilon.

Wie wir hier
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schon berich­te­ten, woll­te die Kreis­ver­wal­tung den Aus­schuss­mit­glie­dern die 255 Sei­ten star­ke, klein bedruck­te Anla­ge mit den Anga­ben über die Grup­pen­ein­tei­lun­gen (GF I, II und III) zunächst erst zu Sit­zungs­be­ginn als Tisch­vor­la­ge zukom­men las­sen. SBL-Kreis­tags­mit­glied Rein­hard Loos inter­ve­nier­te erfolg­reich. So hat­ten die Mit­glie­der des Aus­schus­ses wenigs­tens zwei Tage lang die Gele­gen­heit, sich mit den Zah­len und Daten in den Unter­la­gen zu beschäf­ti­gen. Das führ­te bei der SBL wie­der zu der alten Erkennt­nis: „Kibiz ist Mum­pitz“. Das nächs­te Übel: Wir konn­ten auch bei noch so viel Hin­gu­cken das Mira­kel der Grup­pen­zu­ord­nung nicht lösen. Ein Rät­sel von vielen:
War­um ord­net das Jugend­amt bei Kita A (die ins­ge­samt 10 U3-Kin­der hat) 6 U3-Kin­der in GF I und 4 in GF II ein, wenn bei Kita B (die eben­falls ins­ge­samt 10 U3-Kin­der betreut) 4 Kin­der in GF I und 6 Kin­der GF II ein­ge­ord­net wurden?
Oder:
War­um ord­net das Jugend­amt bei Kita X, (die ins­ge­samt 8 U3-Kin­der hat) 8 U3-Kin­der in GF I und keins in GF II ein, wenn bei Kita Y (die eben­falls ins­ge­samt 8 U3-Kin­der betreut) 4 Kin­der in GF I und 4 Kin­der GF II ein­ge­ord­net wurden?

Zur Erin­ne­rung:
GF I = 8.058,41 Euro (45-Stun­den-Betreu­ung je U3-Kind)
GF II = 16.636,96 Euro (45-Stun­den-Betreu­ung je U3-Kind)

Auf den ers­ten Blick ist das nicht ein­leuch­tend. Aber das ist den Ver­tre­tern des Jugend­amts wohl auch bewusst. Daher prä­sen­tier­te ein Mit­ar­bei­ter der Ver­wal­tung den Aus­schuss­mit­glie­dern eine Folie mit eini­gen Erläu­te­run­gen. Er erklär­te zudem, durch die jähr­li­che Erhö­hung der Kind­pau­scha­le in Höhe um ledig­lich 1,5% wür­de die Finan­zie­rung der Kitas für die Trä­ger immer schwie­ri­ger. Der­zeit gebe es die GF II immer nur dann, wenn eine ent­spre­chen­de Betriebs­er­laub­nis vor­han­den sei. Der Jugend­amts­mit­ar­bei­ter führ­te dann noch fol­gen­des Bei­spiel an:
Bei der Ein­grup­pie­rung der U3-Kin­der in GF I wer­den je Kind 5% Arbeits­kraft berech­net. Bei der Ein­grup­pie­rung in GF II aber je Kind 10% Arbeits­kraft. Je mehr Kin­der also in GF II sei­en, umso schnel­ler sei das (rech­ne­ri­sche) Beset­zungs­soll der Kita-Mit­ar­bei­te­rIn­nen voll. Das ist die Crux!

Die Kita-Finan­zie­rung durch Kibiz lei­det offen­bar einer­seits – wie so vie­le Auf­ga­ben im sozia­len Bereich – unter knap­pen Kas­sen. Ande­rer­seits kann sie sich aber als freud­lo­ses Betä­ti­gungs­feld für Rechen­künst­ler und Finanz­jon­gleu­re erwei­sen. Lei­der kommt dabei aber wahr­schein­lich nicht – egal wer da noch so viel rech­net – „Minus mal Minus gleich Plus“ raus?

Nichts des­to trotz erwar­ten die Trä­ger der Kitas zurecht aus­kömm­li­che Mit­tel. Wie sonst sol­len sie eine qua­li­ta­tiv und quan­ti­ta­tiv gute Kin­der­be­treu­ung gewähr­leis­ten? Oder sol­len Spar­maß­nah­men auf dem Rücken von Kin­dern und Kita-Mit­ar­bei­te­rIn­nen aus­ge­tra­gen wer­den? Ver­ständ­lich, dass die ein oder ande­re Kita bzw. ihr Trä­ger Anstren­gun­gen unter­nimmt, beim Jugend­amt mehr Geld für die eige­ne Ein­rich­tung her­aus­zu­ho­len. Viel­leicht gehen die klei­nen Erfol­ge der einen zulas­ten der ande­ren? Viel­leicht? Wir wis­sen es nicht. Doch nach wir vor erscheint uns die aktu­el­le Kita-Finan­zie­rung nicht schlüssig.

Ist nicht alles eine Fra­ge der Prä­mis­sen? Unser Staat, unser Land, unser Land­kreis und auch unse­re Städ­te bau­en an diver­sen (angeb­lich) zukunfts­wei­sen­den „Leucht­tür­men“. Spon­tan fal­len mir da der Haupt­stadt­flug­ha­fen Ber­lin, die Elb­phil­har­mo­nie in Ham­burg, das Dort­mun­der U, das Sauer­land-Muse­um in Arns­berg und der Hen­ne-Bou­le­vard in Mesche­de ein. Die Lis­te könn­te ich reich­lich fort­set­zen. Da scheint das Mot­to „Zukunft ist jetzt“ zu gel­ten! Doch wie ist das mit der Zukunft unse­rer Kinder?

Quel­le: Sauer­län­der Bür­ger­lis­te (SBL)