Gesund­heits­fo­rum der Fried­rich-Ebert-Stif­tung: Aus­sa­gen von Experten

19. November 2017
von Redaktion

Hoch­sauer­land­kreis. Bestwig.

Als Fort­set­zung der gest­ri­gen Bericht­erstat­tung über die Ver­an­stal­tung am 15.11. in Best­wig ver­öf­fent­li­chen wir noch eini­ge detail­lier­te Äuße­run­gen von ein­ge­la­de­nen Experten:

Dipl.-Kaufm. Wer­ner Kem­per, Spre­cher der Geschäfts­füh­rung, Kli­ni­kum Arnsberg

„In Mesche­de wur­de die Situa­ti­on dis­ku­tiert, wie wir die Kran­ken­haus­struk­tu­ren ver­bes­sern bzw. ver­än­dern kön­nen.“ Die soge­nann­te „fall­pau­scha­li­sier­te Bezah­lung“, bei der es um Vor­ga­be­men­gen für eine Zulas­sung geht, führ­te dazu, dass die Abtei­lung Geburts­hil­fe geschlos­sen wur­de. So auch in Men­den. Das stel­le Regio­nen wie den HSK vor ganz neue Her­aus­for­de­run­gen. Die Vor­ga­ben müss­ten hier in der Regi­on genau­so erfüllt wer­den wie im Ruhr­ge­biet, schil­der­te Kem­per. Min­dest­men­gen müss­ten in bestimm­ten Berei­chen erfüllt wer­den, wie z. B. 160 Kai­ser­schnit­te im Jahr. Um die Min­dest­men­gen zu erfül­len, müs­se ein Spe­zia­lis­ten-Team vor­ge­hal­ten wer­den. „Die Kli­ni­ken sto­ßen an ihre Grenzen.“
Das Wich­tigs­te sei­en qua­li­fi­zier­te Mit­ar­bei­ter (Ärz­te und Pfle­ge­per­so­nal), also Per­so­nen, mit denen die­se Leis­tung über­haupt erst erbracht wer­den kön­ne. „In Mesche­de wer­den im Jahr 9,5 Tsd. Pati­en­ten behan­delt, 40 % sind über 70“, so Kem­per. Die öko­no­mi­sche Her­aus­for­de­rung lie­ge in den Struk­tur­qua­li­tä­ten. Kem­per sprach von einem gewal­ti­gen Struk­tur­wan­del, in dem wir uns befinden.
Eine Dis­kus­si­on über Kran­ken­haus­bet­ten habe kei­ne öko­no­mi­sche Rele­vanz mehr. Es gin­ge nur noch um Leis­tungs­vo­lu­men. „Wel­che Leis­tung dür­fen wir wo erbrin­gen?“ In der inne­ren Chir­ur­gie gäbe es nicht mehr so vie­le Restrik­tio­nen. Aber natür­lich sei es für ein KH auch wich­tig, eine bestimm­te Grö­ße zu haben.

Dr. med. Hans-Hei­ner Decker, Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung West­fa­len-Lip­pe, Lei­ter der Bezirks­stel­le Arnsberg

Es sei zwar ein Pro­blem, jun­ge Nach­fol­ger zu fin­den, doch im HSK sei­en der­zeit alle Plät­ze von Haus- und Fach­ärz­ten besetzt. Ledig­lich Bri­lon sei ein kri­ti­scher Bereich. „ Aber auch da sind wir zuver­sicht­lich“, so Dr. med. Decker. „Doch was ist, wenn ein Sitz plötz­lich frei wird?“
Dr. med. Decker hält Koope­ra­tio­nen für sinn­voll. Haus­ärz­te könn­ten sich z. B. mit Fach­ärz­ten zusam­men­schlie­ßen. „Wir brau­chen koope­ra­ti­ve Struk­tu­ren mit Beglei­tung, die die Admi­nis­tra­ti­on ent­hält“, so sei­ne For­de­rung. Als Bei­spie­le nennt er die Koope­ra­ti­on von Haus­ärz­ten mit Kin­der­ärz­ten, Neu­ro­lo­gen mit Psych­ia­tern, Uro­lo­gen mit Neph­rolo­gen oder Kran­ken­häu­ser mit Support-Anästhesie.
Der HSK habe ein gro­ßes Ein­zugs­ge­biet (200 bis 250 Tsd. Ein­woh­ner) und vie­le Vor­zü­ge. Aller­dings schre­cke die hohe Arbeits­be­las­tung mit Not­diens­ten (im sta­tio­nä­ren Bereich jedes drit­te Wochen­en­de) ab. „Vie­les ist vor­pro­gram­miert.“ Dass die Pati­en­ten oft wei­te Stre­cken fah­ren müs­sen, z. B. von Bri­lon bis nach Arns­berg, schaf­fe zwar Unmut, doch die Der­ma­to­lo­gie las­se sich nicht mit der Chir­ur­gie zusam­men­schlie­ßen. Und: Zah­len auf dem Lan­de könn­ten nicht mit denen im Ruhr­ge­biet ver­gli­chen werden.
Frau­en soll­ten in abge­speck­ter Form in eine Nie­der­las­sung gehen kön­nen. Zum The­ma Nume­rus Clau­sus: „Der gehört eigent­lich abgeschafft.“

Fre­de­rik Ley, Vor­sit­zen­der Regio­nal­lei­tung DB Regio Bus NRW

Auch die Deut­sche Bahn wid­met sich dem The­ma Gesund­heits­mo­bi­li­tät: „Wie kommt der Pati­ent zum Arzt und umge­kehrt?“ Ley stell­te den Medi­bus vor. Die­ser inte­griert eine Voll­aus­stat­tung für einen Haus­arzt und moder­ne IT. In der Flücht­lings­ver­sor­gung wur­de er bereits ein­ge­setzt. „Der Medi­bus bie­tet die Fle­xi­bi­li­tät, Orte zu errei­chen. Auch kann das Pro­blem der Teil­zeit gelöst wer­den“, so Ley. Ein klei­ner Mosa­ik­stein sozu­sa­gen, um das Pro­blem im länd­li­chen Raum zu bedienen.

Max Mül­ler, Chief Stra­te­gy Offi­cer, DocMorris

Max Mül­ler ist einer von vier Vor­stands­vor­sit­zen­den bei DocMor­ris. Er schil­der­te die Geset­zes­grund­la­ge zur Gesund­heits­ver­sor­gung: „§ 2 Abs. 2 Satz 1 Raum­ord­nungs­ge­setz (ROG) besagt: Im Gesamt­raum der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und in sei­nen Teil­räu­men sind aus­ge­gli­che­ne sozia­le, infra­struk­tu­rel­le, wirt­schaft­li­che, öko­lo­gi­sche und kul­tu­rel­le Ver­hält­nis­se anzustreben.“
Laut einer Stu­die aus Nie­der­sach­sen wür­den die­je­ni­gen Stu­den­ten, die aus dem länd­li­chen Raum stam­men, nach dem Stu­di­um auch wie­der zurückkehren.
Er sieht fol­gen­de Ursa­chen der Pro­ble­ma­tik des Ärztemangels:
1. Die Anzahl der Stu­di­en­plät­ze ist zurückgegangen.2. In bestimm­ten Regio­nen fehl­ten finan­zi­el­le Anrei­ze. Es sei schwie­rig, jun­ge Ärz­te aufs Land zu holen (Bei­spiel: Erz­ge­bir­ge, Schwarz­wald) – zumal wenn auch noch die Mög­lich­kei­ten der Digi­ta­li­sie­rung wie Smart­pho­ne oder Breit­band­struk­tu­ren nicht vor­han­den sind.
3. Auch die Fra­ge: „Wo kann mein Lebens­part­ner arbei­ten, wo kann ich die Kin­der betreu­en las­sen?“ sei wichtig.
Die Online-Apo­the­ke wird nächs­tes Jahr 18 Jah­re alt. Es sei ein span­nen­der Pro­zess, wenn eine Berufs­ord­nung geöff­net wird und Online­tech­no­lo­gien wie die Online­sprech­stun­den und die Tele­me­di­zin die Akzep­tanz der Ver­brau­cher fin­den. Mül­ler pro­phe­zeit: „Das wird in Zukunft häu­fi­ger pas­sie­ren, das ist ein Zei­chen von „nicht abge­hängt sein.“
Gesund­heits­we­sen sei pri­mär ein indi­vi­du­el­les The­ma. „Wir müs­sen uns neu­en Mög­lich­kei­ten wid­men, das Gesund­heits­we­sen muss finan­zier­bar sein und wir müs­sen uns Gedan­ken dar­über machen, mit weni­ger Men­schen das Sys­tem auf­recht zu erhal­ten“, so Müller.

Anstel­le einer dau­er­haf­ten Kon­fron­ta­ti­on soll­ten Online und Sta­tio­när mit­ein­an­der koope­rie­ren. Denn wir soll­ten uns die Fra­ge stel­len: „Wie geht es uns morgen?“

Dr. Chris­tof Bartsch, Bür­ger­meis­ter der Stadt Brilon

Dr. Bartsch ver­tritt die kom­mu­na­le Per­spek­ti­ve und spricht für vie­le Kol­le­gen im HSK. Sein Ziel: Ein Bewusst­sein für die Pro­ble­ma­ti­ken zu schaf­fen und im Rah­men der Vor­beu­gung nach Lösungs­mög­lich­kei­ten zu suchen.
„13700 sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Arbeit­neh­mer müs­sen auf Dau­er Arbeits­plät­ze beset­zen (Anm.: im HSK). Alle Stand­ort­fak­to­ren müs­sen berück­sich­tigt wer­den, um die Regio­nen attrak­ti­ver zu machen“, schil­dert er. Nicht nur die Ärz­te­schaft ist betroffen.
Was die Gesund­heits­ver­sor­gung angeht, erwar­te der Bür­ger eine Haus- und Fach­ärz­te­schaft, die den Bedarf deckt. In Bri­lon sei­en bei 12 nie­der­ge­las­se­nen Haus­ärz­ten sie­ben älter als 60 Jah­re. Eine Befra­gung in Bri­lon habe gezeigt, dass fast 90 % kei­ne Nach­fol­ge­re­ge­lung getrof­fen haben. Nun sei die Kom­mu­ne gefor­dert, sich Lösun­gen zu über­le­gen – und zwar jen­seits von Marktentwicklungen.
Den Medi­bus sieht er als eine gute Alter­na­ti­ve, wenn die Not sehr groß ist – wie z. B. bei den Impf­ak­tio­nen und Unter­su­chun­gen der Flücht­lin­ge. Einen Pati­en­ten­durch­lauf stellt er aber wegen der wech­seln­den Fremd­ärz­te in Zweifel.
„Der Bür­ger erwar­tet ein Kran­ken­haus am Ort, eine orts­na­he Ver­sor­gung im Grund- und Regel­be­reich“, so der Bür­ger­meis­ter. Die Fra­ge der Kran­ken­haus­fi­nan­zie­rung (wegen der Fall­pau­scha­len und der Vor­ga­ben) sei ein Pro­blem. Das sei ein Weg, der aus sei­ner Sicht der fal­sche ist. Einen Wett­be­werb­für Kran­ken­häu­ser aus­zu­ru­fen, der nicht Markt ist (bei vor­ge­ge­be­nen Prei­sen), sei eine Fehlentscheidung.
Zu Mül­ler: „Jedes Ange­bot schafft auch eine Nach­fra­ge!“ Die Kran­ken­haus­ver­sor­gung, die schnel­le Ver­sor­gung im Not­fall und die orts­na­he Bereit­stel­lung von Medi­ka­men­ten sei­en für ihn Ver­trau­ens­sa­che. Die nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te und Apo­the­ker kämen dem Erfor­der­nis der Ver­si­che­run­gen nach. Sie stel­len Tag- und Nacht­diens­te bereit und hal­ten Ange­bo­te wie Pfle­ge­ein­rich­tun­gen vor. Außer­dem stel­len sie Aus­bil­dungs­plät­ze vor Ort zur Ver­fü­gung und füh­ren hier die Steu­ern ab.
Dr. Bartsch plä­diert in Anbe­tracht der ver­än­der­ten Anfor­de­run­gen (Ten­denz zur Anstel­lung, erhöh­te Ver­sor­gungs­be­dürf­nis­se einer älte­ren Gesell­schaft) für ein Medi­zi­ni­sches Ver­sor­gungs­zen­trum (MVZ) oder ein Gesund­heits­haus. Das sei ein Ansatz, den man wei­ter ver­fol­gen soll­te. Das sei die Lösung für die Zukunft der Kom­mu­nen als Wirt­schafts- und Stand­ort­fak­tor. Denn: „Wenn die Ver­sor­gung geht, gehen auch die Menschen.“

PM der Sauer­län­der Bür­ger­lis­te (SBL/FW)