Eine Aus­stel­lung des Kunst­ver­eins Sun­dern- Sauer­land e.V. zum The­ma „Respekt und Tole­ranz“

15. Oktober 2013
von Redaktion

Eine Aus­stel­lung des Kunst­ver­eins Sun­dern- Sauer­land e.V. zum The­ma „Respekt und Tole­ranz“

anläss­lich des 75. Jah­res­tags der Reichs­po­grom­nacht in Zusam­men­ar­beit  mit der Stadt Sun­dern
Boatpeople No.24 Foto Hoyerswerda 1a_lr Porträt_Flitner RonnySun­dern. Mit der Aus­stel­lung „Bet­ti­na Flit­ner – Men­schen.“ nimmt der vor einem Jahr gegrün­de­te Kunst­ver­ein Sun­dern-Sauer­land e.V. an der Ver­an­stal­tungs­rei­he der Stadt Sun­dern zum Geden­ken an die Opfer der Reichs­po­grom­nacht vor 75 Jah­ren teil. Die­se Aus­stel­lung ist zum einen ein Auf­ruf zu mehr Respekt und Tole­ranz in der Gegen­wart und in der Zukunft, zum ande­ren holt sie Aspek­te vom „Ran­de der Gesell­schaft“ zurück in unser Bewusst­sein. Denn „Geden­ken“ an ein schreck­li­ches Ereig­nis heißt nicht nur auf Ver­gan­ge­nes zurück­zu­schau­en und dar­aus zu ler­nen, son­dern ein öffent­li­ches Geden­ken geht auch mit der Ver­pflich­tung ein­her, sich Aktu­el­les „bewusst“ zu machen.
Der Kunst­ver­ein Sun­dern prä­sen­tiert die ers­te umfang­rei­che Über­sicht der letz­ten 25 Jah­re aus dem Werk der Foto­gra­fin Bet­ti­na Flit­ner. Cha­rak­te­ris­tisch für Flit­ner sind seri­el­le Fotoes­says, bei denen sie häu­fig mit Zita­ten arbei­tet und ihr ana­ly­ti­scher wie empa­thi­scher Blick auf Men­schen. Das gilt auch für ihre Serie „Nach­barn“ von 1991 in Hoyers­wer­da nach den ras­sis­ti­schen Über­grif­fen. Dort por­trä­tiert sie bei­de Sei­ten, Opfer wie Täter. Bei ihrer Repor­ta­ge in Thai­land 1994, in der erst­mals nicht nur die Pro­sti­tu­ier­ten, son­dern auch die Frei­er gezeigt wer­den, wird das glei­cher­ma­ßen deut­lich. Fast 20 Jah­re danach begibt sie sich noch­mals auf die Spur der Frei­er. Sie foto­gra­fiert im Früh­jahr 2013 die Kun­den eines deut­schen Groß­bor­dell und fragt: „War­um kau­fen Sie Frau­en?“ Die­se heiß dis­ku­tier­te Serie, die für das Maga­zin stern ent­stand, wird in Sun­dern erst­mals aus­ge­stellt.
Auf­se­hen erreg­te auch Flit­ners Serie „Ich bin stolz, ein Rech­ter zu sein“. „Aus den Bil­dern spricht genau das, was Han­nah Arendt vor Jahr­zehn­ten die ‚Bana­li­tät des Bösen’ nann­te“, lau­te­te die Begrün­dung der Jury für den Preis für poli­ti­sche Foto­gra­fie. Die Por­träts von jun­gen Rechts­ra­di­ka­len aus Ber­li­ner Vor­städ­ten sind in einer über­le­bens­gro­ßen Instal­la­ti­on zu sehen. Dane­ben steht die „Repor­ta­ge aus dem Nie­mands­land“, ent­stan­den unmit­tel­bar nach dem Fall der Ber­li­ner Mau­er 1989/90. Flit­ner foto­gra­fier­te und befrag­te Men­schen auf dem ehe­ma­li­gen Todes­strei­fen nach ihrem Leben und ihren Träu­men. Die­se Serie wur­de inter­na­tio­nal aus­ge­stellt, von Ber­lin bis War­schau und San Fran­cis­co.

Pres­se­kon­takt: Brand­con­cert, Mat­thi­as Berg­hoff, Tel. 0173–7083883
Gleich­zei­tig hat Bet­ti­na Flit­ner immer wie­der Frau­en por­trä­tiert. In Sun­dern wer­den ihre Por­träts der „gro­ßen Euro­päe­rin­nen“ zu sehen sein, die den Kon­ti­nent geprägt haben: Von Schrift­stel­le­rin­nen und Künst­le­rin­nen bis hin zu Men­schen­recht­le­rin­nen und Poli­ti­ke­rin­nen.
Der Blick ins Inners­te der Men­schen, den Flit­ners Arbeit kenn­zeich­net, ruft regel­mä­ßig lei­den­schaft­li­che Reak­tio­nen bei den Betrach­tern her­vor. Über vie­le Arbei­ten ist hef­tig dis­ku­tiert wor­den, teil­wei­se bis hin zu hand­greif­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. So z.B. bei ihrer Tri­lo­gie „Mein Herz. Mein Feind. Mein Denk­mal.“ Auch sie wird in die­ser Gesamt­schau zu sehen sein. Dazu hat die Foto­künst­le­rin in den Jah­ren 1992 – 96 zufäl­li­gen Pas­san­tin­nen Fra­gen nach ihrem Leben gestellt: – „Haben Sie schon mal ihr Herz ver­lo­ren?“ – „Haben Sie einen Feind?“ – „Haben Sie ein Denk­mal ver­dient?“ Die Por­trä­tier­ten posier­ten mit Spiel­zeug­waf­fen oder Engels­flü­geln und erzäh­len über ihre geheims­ten Gedan­ken und Gefüh­le. Flit­ners mehr­fach preis­ge­krön­ter Film „Mein Feind“, der eben­falls in der Aus­stel­lung zu sehen ist, zeigt die hef­ti­gen Reak­tio­nen der Men­schen und Medi­en auf die ers­te Instal­la­ti­on die­ser über­le­bens­gro­ßen Foto­skulp­tu­ren in einer Fuß­gän­ger­zo­ne in Köln.
Es fehlt in die­ser Aus­stel­lung auch nicht eine ihrer jüngs­ten Arbei­ten: Die „Boat­peop­le“. Hier foto­gra­fier­te Bet­ti­na Flit­ner Men­schen in einer urzeit­li­chen Bar­ke aus Bur­ma auf dem Rhein. Die­se Serie ver­an­schau­licht die poe­ti­sche Sei­te der Foto­gra­fin, die, bei allem Ernst, fast immer auch humor­voll ist.
„Bet­ti­na Flit­ner – Men­schen.“ Eine Aus­stel­lung des Kunst­ver­eins Sun­dern-Sauer­land e.V. in der Stadt­ga­le­rie Sun­dern, Lock­weg 3, 59846 Sun­dern  Aus­stel­lungs­dau­er: 11.11. bis 29.12.2013 Ver­nis­sa­ge: Sonn­tag, den 10.11.2013, 14:00 Uhr

 

Bet­ti­na Flit­ner
Bet­ti­na Flit­ner, 1961 in Köln gebo­ren, wo sie seit­dem lebt und arbei­tet, ist Foto­gra­fin und Fil­me­ma­che­rin.  Ihre Film­erfah­run­gen haben ihre Foto­ar­bei­ten geprägt.
Sie absol­vier­te eine Aus­bil­dung zur Cut­te­rin beim  WDR und stu­dier­te an der „Deut­schen Film- und Fern­seh­aka­de­mie“ in Ber­lin. Ihre ers­ten  Fil­me wur­den viel­fach aus­ge­zeich­net. Bet­ti­na Flit­ner setzt seit 1990 den Haupt­ak­zent auf die Foto­gra­fie, seit 1992 ist sie asso­zi­ier­tes Mit­glied der Foto­gra­fen­agen­tur laif.
Ihre Fotoes­says haben meist einen seri­el­len Cha­rak­ter, und häu­fig arbei­tet sie mit der Kom­bi­na­ti­on von Bild und Text. Ers­tes Auf­se­hen erreg­te Flit­ner mit ihrer „Repor­ta­ge aus dem Nie­mands­land“, ihrer Foto­se­rie über Men­schen aus West und Ost bei Mau­er­fall 1989. Ab Beginn der 1990er Jah­re ging sie mit ihren Arbei­ten in den öffent­li­chen Raum, ihre Por­träts wuch­sen zu über­le­bens­gro­ßen Foto­skulp­tu­ren. So ihre viel­be­ach­te­te Tri­lo­gie „Mein Feind – Mein Denk­mal – Mein Herz“ aus den Jah­ren 1992–1995, mit der sie „den Kunst­be­trieb infil­trier­te und sei­ne Gren­zen spreng­te“ (Klaus Hon­nef). 
Ihre Instal­la­tio­nen im öffent­li­chen Raum erzeu­gen immer wie­der kon­tro­ver­se und hef­ti­ge Debat­ten bei Men­schen wie Medi­en. Eben­so wie ihre preis­ge­krön­te Arbeit „Ich bin stolz, ein Rech­ter zu sein“ über rechts­ra­di­ka­le Jugend­li­che, die sie weder denun­ziert noch akzep­tiert. Die Jury der „Rück­blen­de 2000“ über die Arbeit: „Aus den Bil­dern spricht genau das, was Han­nah Arendt vor Jahr­zehn­ten die ‚Bana­li­tät des Bösen’ nann­te“. Mit die­ser Arbeit ging Flit­ner aus dem öffent­li­chen Raum in den tra­di­tio­nel­len Kunst­be­trieb und scho­ckier­te auf der ART Colo­gne 2001 in der För­der­ko­je für jun­ge Künst­le­rIn­nen mit einer beklem­men­den Raum­in­stal­la­ti­on.
2004 erschien Bet­ti­na Flit­ners Por­traitband „Frau­en mit Visio­nen”. Sie hat dafür ganz Euro­pa bereist und Frau­en, die den Kon­ti­nent über ihr eige­nes Land hin­aus geprägt haben, por­trai­tiert. Staats­chefin­nen wie Men­schen­recht­le­rin­nen, Künst­le­rin­nen wie Schrift­stel­le­rin­nen. Das Por­trä­tie­ren weib­li­cher „Vor­bil­der” setz­te Flit­ner mit ihrer Arbeit „Frau­en die for­schen” fort, für die sie 25 deut­sche Spit­zen­for­sche­rin­nen foto­gra­fier­te. 2012 folg­te das Buch „Boat­peop­le”, eine humor­vol­le und poe­ti­sche Arbeit, die sie mit Men­schen in einer Fischer­bar­ke aus Bur­ma am Ufer des Rheins rea­li­sier­te. Eben­falls 2012 ver­öf­fent­lich­te sie den Foto­band „Rei­sen in Bur­ma“.
Bet­ti­na Flit­ner Arbeit bewegt sich zwi­schen den Gen­res, sie chan­giert zwi­schen doku­men­ta­ri­schem Jour­na­lis­mus und insze­nier­ter Fik­ti­on.