Angrif­fe auf Ret­tungs­kräf­te häu­fen sich

1. Juni 2016
von Redaktion
Die Einsätze sind für die Rettungskräfte schon stressig genug. Hier ein Foto von einer Übung. Leider nehmen die Übergriffe zu. Foto: Langhammer/Märkischer Kreis

Die Ein­sät­ze sind für die Ret­tungs­kräf­te schon stres­sig genug. Hier ein Foto von einer Übung. Lei­der neh­men die Über­grif­fe zu. Foto: Langhammer/Märkischer Kreis

Ein­satz­kräf­te wer­den geschla­gen, getre­ten und gewürgt

Mär­ki­scher Kreis. (pmk) . Die Über­grif­fe auf Ret­tungs­kräf­te neh­men zu. Der Kreis reagiert jetzt kon­se­quent mit Anzei­gen wegen Kör­per­ver­let­zung.

Sie wer­den geschla­gen, getre­ten, gebis­sen und gewürgt. Sie wer­den belei­digt, beschimpft und nicht sel­ten mas­siv bei ihrer Arbeit behin­dert. Dabei wol­len sie nur Men­schen hel­fen. Manch­mal geht es sogar um Leben und Tod. Die Rede ist von haupt­amt­li­chen und ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und der Poli­zei. „Es gibt uns gegen­über ein­fach kei­nen Respekt mehr“, sagt der Lei­ter der Ret­tungs­wa­che Bal­ve des Mär­ki­schen Krei­ses, Rupert Heid­sick. Der 48-Jäh­ri­ge und vie­le sei­ner 18 Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen haben es in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit mehr­fach erlebt, wie gefähr­lich Ein­sät­ze auch für ihre eige­ne kör­per­li­che Unver­sehrt­heit sein kön­nen. Und die Über­grif­fe neh­men zu.

 

Ret­tungs­as­sis­tent Mat­thi­as Dren­kel­fuß erin­nert sich noch gut an einen Ein­satz, als er mit sei­nem Kol­le­gen nach Neu­en­ra­de-Affeln geru­fen wur­de. „Dort hat­te eine jun­ge Frau auf einer Par­ty offen­sicht­lich zu viel Alko­hol und Dro­gen kon­su­miert. Sie war vor der Tür kol­la­biert. Als wir hel­fen woll­ten, hat sie um sich geschla­gen und getre­ten. Die Dame war völ­lig hys­te­risch“, erzählt der Gar­be­cker. Im Kran­ken­haus bedurf­te es sie­ben Per­so­nen von Poli­zei, Ret­tungs­dienst und Pfle­ge­per­so­nal, um die Dame ruhig zu stel­len. Wegen der Trit­te und den dar­aus resul­tie­ren­den blau­en Fle­cken stell­te der Mär­ki­sche Kreis Straf­an­zei­ge wegen Kör­per­ver­let­zung.

 

„Wir las­sen uns das nicht mehr gefal­len. Bei sol­chen Vor­fäl­len wird künf­tig Anzei­ge erstat­tet. Wir haben auch eine Für­sor­ge­pflicht unse­ren Ret­tungs­kräf­ten gegen­über“, so Gui­do Thal, Lei­ter des Regie­be­trie­bes Ret­tungs­dienst beim Mär­ki­schen Kreis. Anzei­ge erstat­tet wur­de auch in einem ande­ren Fall. Da wur­den die Ret­tungs­as­sis­ten­ten zu einem Ein­satz nach Neu­en­ra­de-Kün­trop geru­fen. Dort war ein Streit zwi­schen Ehe­leu­ten eska­liert. „Vor­sicht, da geht es noch rund“, hat­te Mar­tin Brendt sei­nen Kol­le­gen noch auf der Ter­ras­se gewarnt. Eine Frau hat­te kurz vor­her erfah­ren, dass ihr Mann fremd­geht. Da war es nicht bei der ver­ba­len Aus­ein­an­der­set­zung geblie­ben. „Als mein Kol­le­ge die Frau ver­sor­gen und beru­hi­gen woll­te, biss sie ihn hef­tig in den Unter­arm. Das ging durch die dicke Jacke. Dann misch­te sich auch noch der Vater der Frau ein. Er nahm den Kol­le­gen in den Schwitz­kas­ten und würg­te ihn.“ Das sei alles so rasend schnell gegan­gen, erin­nert sich Mar­tin Brendt. „Der Kol­le­ge war anschlie­ßend vier Wochen krank­ge­schrie­ben“, fügt Wachen­lei­ter Rupert Heid­sick hin­zu. Die Ein­sät­ze, bei denen es stres­sig wird, häu­fen sich. Das sagen alle Ret­tungs­as­sis­ten­ten der Bal­ver Wache und spre­chen auch für ihre Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen an den ande­ren Stand­or­ten. Die Sta­tis­tik gibt ihnen Recht. Erst unlängst war ein DRK-Hel­fer auf der Men­de­ner Pfingst­kir­mes von einem Aus­stel­ler mas­siv ange­gan­gen wor­den.

 

„Und auf den Auto­bah­nen herrscht rich­tig Krieg“, erin­nert sich Andre­as Pott­hö­fer. Der 47-Jäh­ri­ge war lan­ge in der Ret­tungs­wa­che des Krei­ses in Mein­erz­ha­gen ein­ge­setzt, bevor er nach Bal­ve wech­sel­te. „Ent­we­der fah­ren sie lang­sam an einem Ein­satz­ort vor­bei, um zu gaf­fen und Han­dy­fo­tos zu machen, oder sie rasen der­art schnell an einem vor­bei, dass man ernst­haft gefähr­det wird“, so Pott­hö­fer. „Auto­bahn ist Stress pur“.

 

Respekt vor den Ein­satz- oder Hilfs­kräf­ten? Das ist offen­bar ein Fremd­wort. „Schä­den an den Fahr­zeu­gen sind kei­ne Sel­ten­heit“, weiß Wachen­lei­ter Heid­sick. Vor dem Kauf­park wur­de ein Ret­tungs­trans­port­wa­gen mit Eiern bewor­fen. Dass sie bei Ein­sät­zen an Sil­ves­ter mit Feu­er­werks­kör­pern bewor­fen oder mit Rake­ten beschos­sen wer­den, gehört längst zum Ein­satz­ri­si­ko. „Dabei sind wir vom Ret­tungs­dienst aus Sicht von vie­len noch die Guten, die ver­meint­lich Bösen sind die Kol­le­gen von der Poli­zei“, so Heid­sick.

 

Was ist also zu tun? „Die Kon­se­quen­zen sind ein­fach zu gering, die so ein Ver­hal­ten gegen­über Hilfs- und Ein­satz­kräf­ten hat. Sie müss­ten schnel­ler erfol­gen, sie müss­ten schär­fer sein“, sind sich die Bal­ver Ret­tungs­sa­ni­tä­ter einig. Sie machen sich aber kei­ne Illu­sio­nen: „Das ist ein gesell­schaft­li­ches Pro­blem. Der Respekt uns gegen­über und die Hilfs­be­reit­schaft all­ge­mein neh­men ab. Das ist scha­de, aber wohl nicht mehr zu ändern.“