Ein­zig­ar­ti­ger Erzie­hungs­ratge­ber in der Lan­des­kund­li­chen Biblio­thek

Dr. Christiane Todrowski stellt Unikat der Landeskundlichen Bibliothek vor, Foto Ulrich Biroth/ Märkischer Kreis

Dr. Chris­tia­ne Tod­row­ski stellt Uni­kat der Lan­des­kund­li­chen Biblio­thek vor, Foto Ulrich Biroth/ Mär­ki­scher Kreis

Mär­ki­scher Kreis. (pmk). Die Lan­des­kund­li­che Biblio­thek des Mär­ki­schen Krei­ses birgt eine gan­ze Rei­he sel­te­ner, biblio­phi­ler Kost­bar­kei­ten. Dass sie aber auch im Besitz einer klei­nen Sen­sa­ti­on ist, haben die Mitarbeiter/innen erst Dank des nie­der­län­di­schen Wis­sen­schaft­lers Prof. Dr. Guil­lau­me van Gemert erfah­ren.

Er fand die ältes­te Aus­ga­be des Büch­leins „Kin­der­zucht oder kurtzer Bericht von der Eltern Sorg und Für­sich­tig­keit in Auf­fer­zie­hung und Unter­rich­tung ihrer Kin­der”, geschrie­ben von Mat­thä­us Tym­pi­us und gedruckt in Müns­ter im Jahr 1597 im Online-Kata­log der Lan­des­kund­li­chen Biblio­thek in Alte­na.

 

Der Ger­ma­nist und Mit­tel­alt­er­fach­mann forscht zur­zeit über den in Hees­sen bei Hamm gebür­ti­gen Theo­lo­gen und Päd­ago­gen Mat­thä­us Tym­pi­us (1566–1616). „Nach sei­nem For­schungs­stand han­delt es sich bei dem für den Lai­en eher unschein­bar wir­ken­den, klein­for­ma­ti­gen und nur 56 Sei­ten dün­nen Auf­satz um ein Uni­kat”, freut sich Dr. Chris­tia­ne Tod­row­ski, Lei­te­rin des Kreis­ar­chivs und der Lan­des­kund­li­chen Biblio­thek des Mär­ki­schen Krei­ses. Ande­re Biblio­the­ken besit­zen zwar die stark über­ar­bei­te­te und erwei­ter­te zwei­te Auf­la­ge aus dem Jah­re 1610, aber die Erst­aus­ga­be ist nur in Alte­na vor­han­den.

 

Dr. Tod­row­ski hat sich gleich in das Werk ver­tieft: „In einer Zeit, in der Prü­gel als Mit­tel der Kin­der­er­zie­hung nicht nur Gang und Gäbe waren, son­dern sogar als christ­li­cher Auf­trag ver­stan­den wur­den, emp­fiehlt Tym­pe Lob, Beloh­nun­gen, und dass Eltern ihrem Nach­wuchs als Vor­bild und gutes Bei­spiel die­nen sol­len”, inter­pre­tiert sie den Auf­satz. Der katho­li­sche Theo­lo­ge und Päd­ago­ge stell­te die sei­ner­zeit pro­vo­kan­te Fra­ge, war­um das vier­te Gebot Kin­der ver­pflich­tet ihre Eltern zu ehren, es aber kein Gebot gibt, das lehrt, wie Kin­der rich­tig erzo­gen wer­den sol­len. Gemein­sa­mes Beten und Kirch­gän­ge hält er für eben­so wich­tig wie das „teut­sche ABC”, Got­tes­furcht und die Ver­mitt­lung von Fleiß sowie „ehr­ba­ren, bür­ger­li­chen Sit­ten”.

 

Für die ver­zwei­fel­ten Eltern ver­bock­ter und unbe­lehr­ba­rer Kin­der emp­fiehlt Tym­pe hin­ge­gen „ein heil­sa­me Arz­neye, bes­ser als sie in der Apo­theck zu fin­den”: Schlä­ge mit Bir­ken­ru­ten für klei­ne, Prü­gel mit Hasel­nuss­strun­ken für älte­re Kin­der. Aber Vor­sicht! Wer sei­ne Kin­der so miss­han­delt, dass er sie zum „Nar­ren oder Kröpp­fel” schlägt, bewirkt das Gegen­teil und macht sie fort­an noch böser und hals­star­ri­ger.

 

Die Buchra­ri­tät stammt aus der ehe­ma­li­gen, rund 2000 Titel umfas­sen­den Pri­vat­bi­blio­thek der Wer­ler Erb­säl­zer­fa­mi­lie von Mel­lin, die Land­rat Dr. Fritz Tho­mée 1914 zur Aus­stat­tung des geplan­ten Muse­ums auf der Burg Alte­na erwor­ben hat­te. Gebrauchs­spu­ren zei­gen, dass das Buch, wel­ches diver­se wei­te­re Auf­sät­ze Tym­pes zusam­men­fasst, tat­säch­lich gele­sen wur­de – ob von Tho­mée oder einem ande­ren Vor­be­sit­zer, lässt sich nicht mehr fest­stel­len.

 

Wer mag, kann im Lese­saal der Lan­des­kund­li­chen Biblio­thek kos­ten­los in dem Ori­gi­nal­buch blät­tern. (Kreis­haus I in Alte­na, Bis­marck­stra­ße 15. Ter­min­ver­ga­be unter Tele­fon (02352) 966‑7053 oder E‑MAIL archivundbibliothek@maerkischer-kreis.de). In der Bild­da­ten­bank des Kreis­ar­chivs (www. maerkischer-kreis.de) ist die Ver­öf­fent­li­chung (Such­be­griff Tym­pe) unter http://medien.maerkischer-kreis.de/archiv/index.jspx#1469007213920_1 (Archivalien/ Bücher) online zu fin­den.