Deutschland: Huggy Jörg Borghardt – Erinnerungen eines Rock- und Blues Musikers

von Hans-Cramer - - Veröffentlicht am 2. 12 2017

Glück im Unglück.. Erinnerungen von den Anfängen eines Musiker – Lebens als Geschichte in dorfinfo.de ! 

 

“There is some excellent piano playing that fans of boogie and barrelhouse styles will certainly enjoy.”
John Mitchell, Blues Blast Magazine (USA), 01/2015
 „Wer ihn nie im Konzert sah, kann jetzt per Tonträger erleben, warum dieser Blueser am Klavier zu Deutschlands besten zählt. ‚Live at subrosa‘ ist aber nicht das Werk eines Egomanen, der sich als Tastenvirtuose feiert – das Album dokumentiert schönste Musiker-Tugenden: Sensibilität, Harmonie und das Wir-Gefühl dreier Könner.“
Ruhr Nachrichten / Westfälische Rundschau (Dortmund) 28.06.2014, Kai-Uwe Brinkmann
„Fazit: 8,5 von 10 Sternen
‘LIVE AT SUBROSA‘ ist ein gut arrangiertes Album, das nicht nur eingefleischten ‘Blues & Boogie‘ Freunden gefallen dürfte.
Durch die rockige Spielweise beim Boogie und den gefühlvollen Balladen können die drei Musiker zeigen, was sie drauf haben. Besonders das Tastenspiel und das Sax sorgen für einen hörenswerten Klang und Sound, der lange nachklingt. Feiner Blues & Boogie aus Deutschland und dem Herzen des Pott.“
Blues in Germany, 06/2014 Michael Jungbluth
„In der stickigen, aber lässigen Atmosphäre im Subrosa liefen Huggy und seine beiden Mitstreiter Rüdiger Wilke (Saxophon) und Manni Schulz (Drums) zu Hochform auf. (…) Dem Trio gelingt es, bei jedem Song den Raum zu füllen und die Stimmung im vollen, engen Subrosa aufzugreifen. (…) Erschienen ist die CD übrigens beim legendären Label der Konzert-Promoter Lippmann + Rau. Auf dem Label erschienen in den 60er und 70er Jahren die Alben amerikanischer Blues-Größen wie J.B. Lenoire, Champion Jack Dupree, Memphis Slim oder die ganzen American Folk-Blues Festival Alben mit John Lee Hooker, Willie Dixon oder Buddy Guy. Allesamt Klassiker. Und nun Huggy! Welch eine Ehre für den Dortmunder.“
Tongebiet, 05/2014 Uwe Meyer (u.a. Blues News, Jazz Thing, Blue Rhythm, Good Times)
„Huggy klimpert sich konstant durch alle Songs und klingt mal wie der große Deep-Purple-Tastenmann Jon Lord, mal wie ein Barpianist in einem Western-Saloon, wo Charles Bronson an der Theke seinen Whiskey trinkt.“
Coolibri 07/2014, Peter Hesse (u.a. Visions, Rock Hard, Classic Rock, Coolibri, BoDo)
„Huggy JB lässt keinen Zweifel daran, dass Blues aus dem Pott genauso authentisch klingen kann, wie in einem Barrelhouse in Lousiana oder einem Hole In The Wall in Chicago. Kein Zweifel: Zusammen mit Vince Weber aus Hamburg ist dieser Mann das Beste, was diese Republik in Sachen Blues an den schwarzen und weißen Tasten hervorgebracht hat.
7 von 10 Sternen
Classic Rock 07/2014, Laabs Kowalski (u.a. Classic Rock, Rocks)

Glück im Unglück…

Huggy JB
Foto: Hans Cramer

HUGGY JÖRG BORGHARDT·SONNTAG, 26. NOVEMBER 2017

…besagt der bekannte Aphorismus, den ich als Musiker durchaus bestätigen kann. Wir schreiben das Jahr 1981, und ich spiele seit einiger Zeit mit meiner ersten Band. Dass ich hier keinen Namen nennen kann, liegt daran, dass es nie einen für diese Band gab, auch wenn einige im Gespräch waren. Gitarrist Schumme – wie alle Mitglieder dieser Combo mit einer Vorliebe für die härteren Klänge des Rocks und des Blues – hatte zwei ins Gespräch gebracht, “Torture Strat” als Huldigung seiner Lieblingsklampfe und “Ace Ringleb”, was wiederum eine Huldigung eines Kumpels aus dem Rockermilieu gewesen wäre. Mir schwebte “Midnight Rambler Bluesband” vor, womit wir den Stones als eines unserer großen Vorbilder die notwendige Ehre erwiesen hätten. Schumme aber hatte keinen Bock auf den Zusatz “Bluesband”, da ja auch etliche Hard Rock-Nummern im Programm waren. Dafür nannte er seine Nachfolgeband später dann “The Sticky Fingers”. Wir waren tatsächlich keine reine Bluesband, so wie die Kollegen aus den Ruhrgebietsformationen, deren Können ich bewunderte. Die “Delta Bluesband”, die “Stormy Monday Bluesband” beide mit Pianist Lone Cat Ericson, die “Dusty Broom Bluesband”, die “Slowfoot Honka Bluesband” mit Manni Schulz – dem späteren Drummer meiner Band “The Huggy J.B. Allstars” -, “Leakage L.A.” oder die “Metamorphosis Bluesband”. Bei letzterer schlug ich Anfang der 1980er in Essen im Proberaum auf, um einen Vox AC 30 in Augenschein zu nehmen, den ich zur Verstärkung meiner Mundharmonika in Betracht zog. Womit ich mich dem eigentlich Thema dieses kleinen Aufsatzes nähere: Dem Equipment! Denn jeder Musiker hat ein Instrument seiner Träume…

Meine Bandkarriere war seinerzeit doch tatsächlich mit der Mundharmonika, der Bluesharp, gestartet. Mit Beginn der Pubertät hatte ich in meiner Bude unter Postern von den Beatles, Deep Purple und Led Zeppelin auf dem Bett

liegend jeden Tag stundenlang Musik gehört und mir in meinen Tagträumen zuerst eine Karriere als Gitarrist in der fiktiven Schulband “The Helens” – ich ging auf das örtliche Helene Lange-Gymnasium – ausgemalt, aber das mit der Gitarre nie ernsthaft weiter verfolgt. Jahre später, im Sommer 1981, traf ich in meiner evangelischen Kirchengemeinde dann in dem was zuerst Jugendheim und nun Teestube hieß, draußen auf dem Absatz sitzend zwei Typen namens Schumme und Udo schon ganz passabel auf der Gitarre den Blues spielend an. Uns verband das damals offensichtlich Wesentliche: Das waren lange Haare, passende Klamotten, wie Jeans, 

Huggy JB im “Alt Hamm
Foto: Hans Cramer

Kampfjacke aus dem US-Verkauf sowie wildlederne Cowboystiefel und vor allem eben Rock und der Blues. Mir war sofort klar, dass mit diesen Jungs die Vision einer Band gelingen konnte. Nur konnte ich mich mit dem Instrument, welches mir von zu Hause aus mitgegeben war, dem Piano, schlecht draußen daneben setzen, und das Piano der Gemeinde stand erst einmal nicht zugänglich ein paar Räume weiter weg. Also besorgte ich mir eine Mundharmonika und setzte mich den nächsten Mittwoch dazu. Es war ein wahrhaft erhabenens Gefühl zum ersten Mal zusammen mit Gleichgesinnten die Musik zu machen, die einem alles bedeutete! Ich konnte mir nichts Cooleres mehr vorstellen. Niels, ein guter Freund aus meiner Klasse bekam das mit, intonierte gekonnt Gesang, und es wurde sofort die erste Probe in Udos Bude verabredet.

Von nun ab kreisten unsere Gedanken und Gespräche nur noch darum, wie das nötige Equipment zusammen zu bekommen wäre. Schumme besaß bereits einen amtlichen Ampeg-Röhrenamp, Udo einen kleineren Yamaha-Transistoramp mit dem allerdings nicht gegen Schummes Amp anzustinken war, weswegen auch er von einem besseren Equipment träumte. Niels und ich sprachen darüber, wie das Geld für eine Gesangsanlage aufzutreiben wäre, die uns beiden weiter hülfe. Aber ich hatte gerade die astronomische Summe von 800 DM für meine zweite Leidenschaft, die Fotografie, rausgehauen und mir die Minolta XD 7 Spiegelreflexkamera gekauft, welche mich die nächsten 30 Jahre begleiten sollte. Mein Großvater, selbst ein leidenschaftlicher Fotograf und Musiker, hatte mich dabei bereits ungefragt großzügig unterstützt. Es wäre mir ungenehm gewesen und nicht in den Sinn gekommen, ihn noch einmal zu fragen und meinen Eltern war es wichtig, dass ich die Schule nicht vernachlässigte. Kurzum, ich war blank und Niels war es auch.

Vor allem Schumme aber zeigte sich äußerst ambitioniert in Sachen Bandgründung und kannte wiederum einen Typen aus seiner Klasse, der schon das Bassspielen begonnen hatte. Der hieß Menzi, hatte auch lange Haare und vor allem einen Proberaum unter der Kneipe seiner Eltern, womit eine weitere Hürde genommen war. Denn ein guter Proberaum, in dem man zu jeder Tages- und Nachtzeit spielen konnte, war damals wie heute schwer zu finden. Es musste nun nur noch ein Drummer her. Clothi, mit dem ich schon meine gesamte Schulzeit in der jeweils selben Klasse verbracht hatte, spielte eines Tages mit seiner Band bei einem Schulfest und hatte damit genügend Reputation abgeliefert. Die Band fand ich zwar grottenlangweilig, aber Clothi hatte ein Schlagzeug und er konnte es spielen. Vor allem aber konnte er sich die Gesangsanlage seiner Band ausleihen! Das war natürlich ein Knaller, denn damit waren mit einem Schlag die Probleme von Sänger Niels und mir mit meiner Mundharmonika im Besonderen und der Band im Allgemeinen gelöst. Wir konnten von nun ab Gas geben und richtig proben. Es war ein ganz besonderes Gefühl das erste Mal ein Mikrophon in der Hand zu haben und dann den Sound der Mundharmonika über die Anlage zu hören. Ich hatte dort zwar noch kein Piano zur Verfügung, aber ich spielte einen eigenen Bluessong mit einer Band! Das war mehr als großartig! Ich kann Euch sagen, dass auch in der Musik das erste Mal in besonderer Erinnerung bleibt.

Bald aber hatte Drummer Clothi keinen Bock mehr. Vielleicht lag es daran, dass er eher gediegen intellektuell unterwegs und weniger Rocker war. Er leistete dann in unserer Kirchengemeinde seinen Zivildienst in der Jugendarbeit ab und konnte dort hin und wieder sein Schlagzeug aufbauen, um mit mir am Piano der Gemeinde zu jazzen. Dass Posaunenchöre in der evangelischen Kirche eine lange Tradition haben, führte dazu, dass ab und an auch Posaunist Egon hinzukam. In der Band aber nahm nun Mattin, ein Freund des Bassisten Menzi, den vakanten Platz des Drummers ein. Der wiederum hatte eine Mutter, die Musiklehrerin war, weshalb bei ihm zu Hause ein ausrangiertes Piano in dem Kellerraum stand, in dem Mattin bislang schwer geübt hatte. Ich begrüßte daher den Umzug in den neuen Proberaum außerordentlich. Allerdings hatten wir nun wieder ein Problem. Mit dem Ausstieg von Clothi war auch die Gesangsanlage futsch.

Angefixt von den ersten Proben konnte uns das jedoch nicht mehr aufhalten. Es schien Niels nichts auszumachen mit hochrotem Kopf und aller Kraft gegen die Gitarrenverstärker anzusingen. Dass er sogar noch zu hören war, kam einer außerordentlichen Leistung gleich, da sich die Amps in englischer Einstellung befanden, will meinen, die Lautstärkeregler standen auf 10, da Schumme und Udo unbedingt einen verzerrten Sound bevorzugten. Da kam die Erfindung des Gitarristen Tom Scholz der amerikanischen Band Boston gerade recht. Das unscheinbare Gerät namens “Power Soak” ermöglichte es nämlich, zwischen Gitarre und Amp geschaltet auch bei geringerer Lautstärke bereits den so begehrten verzerrten Sound zu haben. Auch für den Rest der Band bedeutete dieser Fortschritt im Equipment mehr als eine Erleichterung. Niels’ Gesang war wieder besser zu hören und meine Mundharmonika auch. Vor allem brauchte ich bei “Honky Tonk Woman” und “Jumping Jack Flash” nicht mehr wie ein Wahnsinniger auf das Piano einzudreschen.

Gleichwohl träumte ich weiterhin von einem E-Piano. Während Schumme es in seinen erklärten Absichten nicht unter dem New Yorker Madison Square Garden machte, reichte mir in meinen Träumen schon ein Gig im Heidehof, einem alten Dortmunder Gewerkschaftsgebäude, welches gerade besetzt worden war. Und da stand natürlich kein Piano rum. Wir waren alle so besoffen von unserer ersten Band, dass über nichts anderes mehr gesprochen wurde. Eine Freundin teilte mir bald ein wenig verschämt mit, dass sie das Wort “E-Piano” nicht mehr hören könne. Um meinen Träumen ein Stück näher zu sein, fuhr ich nun bei jeder Gelegenheit in die “Börse”, dem führenden Laden für professionelles Musikerequipment in einem Gewerbegebiet in Dortmund-Marten. Hier stand das Ziel meiner Sehnsüchte, ein Fender Rhodes E-Piano Mark II in der Version mit 88 Tasten. Ich klimperte dort stundenlang. Dem Chef und seinen Kollegen dämmerte schnell, dass ich mir das Ding nicht leisten konnte, aber sie waren es gewohnt, von angehenden Rock- und Blueshelden beschallt zu werden und dankenswerterweise äußerst geduldig. Vermutlich kannten sie das unglaublich tolle und inspirierende Gefühl, auf dem Instrument der Träume spielen zu dürfen. Vielleicht wussten sie einfach auch nur aus Erfahrung, dass zumindest ein Teil dann irgendwann auch als Kunde wieder im Laden aufschlug.

Dann kam ein Tag im Herbst 1981. Wir hatten mal wieder eine gelungene Probe hingelegt. Ich hatte von Bassist Menzi einen eigentlich simplen Basslauf am Piano übernommen, welchen ich bis heute in meinem Soloprogramm in den unterschiedlichsten Varianten spiele. Manchmal sind es im Leben ja die scheinbar simplen und einfachen Dinge und Einsichten, die einen dann überraschend weiter bringen. In der Musik ist das nicht anders. Und dies war rückblickend einer dieser Quantensprünge in meiner musikalischen Entwicklung. Gut gelaunt bestieg ich mein Rennrad, um nach Hause zu düsen. Udo schwang sich mit Gitarre auf dem Rücken auf sein Kreidler-Moped, bei dem das Zahlensymbol für die 50 Kubikzentimenter einem selbstgemalten Woodstock-Logo gewichen war. Er musste um die Karre zu starten, erst darauf sitzend anlaufen, was mit der wackelnden Klampfe auf dem Rücken immer ein wenig bescheuert aussah. Niels hatte es mit dem Kick-Starter des Enduro-Moped seiner Freundin einfacher und zog mich kurz darauf auf dem gemeinsamen Nachhauseweg einen steileren Berg hinauf. Oben angekommen hatte ich ordentlich Speed und trat kräftig in die Pedale. Dann gab es plötzlich einen Knall und ich lag sieben Meter weiter auf dem Asphalt und wusste erst einmal nicht, was geschehen war. Meine linke Schulter hing unter meinem Kinn und mir 

war sofort klar, dass zumindest mein Schlüsselbein gebrochen war. Ich sah auf und Niels nach, wie er mit seinem Moped davon düste. Er schaute allerdings nicht mehr in den Rückspiegel. Ich fühlte mich hilflos. Fußgänger kamen angelaufen und halfen mir auf. Es stellte sich heraus, dass eine ältere Dame die Autotür geöffnet hatte und ich dort reingerast war. Die Wache der Polente lag 200 Meter, das Vorortkrankenhaus, in das ich gebracht wurde, 800 Meter entfernt, und das erste was ich dachte, als meine Gedanken dort wieder klarer wurden, war: “Scheiße, Alter, Du hast doch keine Schuld. Du bekommst doch bestimmt Schmerzensgeld. Ich kann mir ein E-Piano kaufen!!!”

Ich hatte mir tatsächlich das Schlüsselbein gebrochen, und der Gedanke mir bald das Instrument meiner Träume zulegen zu können, ließen mich die Schmerzen, die Operation und den anschließenden zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt locker überstehen. Damals wurde sogar noch das Rauchen im Krankenbett toleriert, und ich hatte mit einem Freddie einen Bettnachbarn, dessen Kumpel nachts immer in das ebenerdige Zimmerfenster einstiegen und Drinks mitbrachten, so dass auch kräftig gefeiert werden konnte. Wieder draußen nahm ich mir umgehend einen Anwalt und hatte relativ zügig 5.000 DM Schmerzensgeld von der Versicherung der alten Dame auf meinem Konto. Das war damals eine Menge Geld und das von mir präferierte Fender Rhodes E-Piano mit 73 Tasten, kostete 2.400 DM, so dass sogar noch Geld für einen passenden Verstärker übrig blieb. Ich begann die Musikgeschäfte der Region abzutelefonieren, um nach einem gebrauchten Vorführmodell zu fragen. Bei Rudi Welches Music Store in Unna hatte ich den Chef an der Strippe, der meinte, er ließe mir das Vorführmodell für 2.100 DM. Als ich am gleichen Nachmittag dort ankam, sah ich wie zwei Typen ein gerade gekauftes Fender Rhodes heraus trugen und dachte mir “Da schau’ her, die auch!” Dann teilte mir Rudi Welches mit: “ Mein Kollege wusste nicht, dass ich Dir das Vorführmodell versprochen hatte, und hat es gerade verkauft … aber ich lasse Dir ein neues zu dem Preis von 2.100 Mark.” Meine Stimmung, die Sekunden vorher noch in den Keller gerauscht war, hellte sich entsprechend auf.

Zu Hause angekommen entfernte ich die Verpackung. Ich stellte das Teil auf seine Füße, setzte das Pedal an und begann unverstärkt zu spielen. Da der Ton über einen mit einer aufgesetzten Feder gestimmten Metallstab und einer Art Hammermechanik erzeugt wird, kann man auch unverstärkt gerade die mittleren Tonlagen gut hören. Zuvor hatte ich die obere Abdeckung abgenommen, um mir das Innenleben dieses fantastischen Instruments 

anzusehen. Der dabei frei werdende angenehme Geruch aus frisch verarbeitetem Holz, Leder und Metall hat sich bis heute in meinem Gedächtnis eingebrannt. Ich war am Ziel meiner Träume! Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich es noch für aussichtslos gehalten, jemals in absehbarer Zeit an ein E-Piano ranzukommen, und nun konnte ich zum einen jeden Tag spielen, wann und so oft ich wollte und zum anderen mit einer Band unterwegs sein, ohne auf ein Piano vor Ort hoffen zu müssen. Der Traum, auf einem E-Piano mit einer Band einen coolen Blues im besetzten Haus spielen zu können, war ein erhebliches Stück näher gerückt. Meine Musikerkarriere konnte also Fahrt aufnehmen.

Nun fehlte noch ein passender Verstärker. So holte ich am gleichen Tag ein altes Philipps Röhrenradio meines Vaters aus dem Keller, um verstärkt zu spielen und endlich den richtigen E-Piano-Sound zu hören. Das Modell Capella Raverbeo aus dem Jahr 1964 hatte mich bereits in meiner Kindheit fasziniert. Es hatte einen tollen warmen räumlich differenzierten Röhrensound in Stereo und sah zudem faszinierend aus. Die Lautsprecher waren an beiden Seiten von Lamellen abgedeckt, in der Mitte sorgte eine grüne Elektrolumineszenzscheiben-Beleuchtung dafür, dass alle Sender von Hilversum bis Luxemburg gut erkennbar waren und das ebenfalls grüne “magische Auge”, eine spezielle Elektronenröhre, zeigte die Stärke des Radiosignals an. Nun lieferte es mir einen tollen warmen E-Piano-Sound. Schumme und Udo kamen kurz darauf mit Udos kleinerem Yamaha-Verstärker vorbei und wir jammten den ganzen Nachmittag.

Es war schnell klar, dass ein Röhrenradio lautstärkemäßig nicht mit einem richtigen Verstärker mithalten kann, und so machte ich mich auf die Suche nach einem Amp. Spezielle Keyboard-Verstärker gab es damals noch nicht oder waren mir zumindest nicht bekannt. Also verließ ich mich auf das Wissen der Gitarristen, die mir einen Fender-Verstärker, den Twin Reverb, nahelegten, weil der einen cleanen Sound brächte. Und verzerren wollte ich den Rhodes-Sound ja erst einmal nicht. Wieder wurde ich in einer Nachbarstadt Dortmunds fündig, diesmal in Schwerte. Ein gewisser Herr Grünebaum empfahl mir einen Fender Deluxe Reverb. Der hätte 100 Watt und wäre ausreichend, um mit den Amps der Gitarristen mithalten zu können. Ich legte 1.500 deutsche Mark auf seinen Ladentisch und nahm das Teil mit. Die Enttäuschung bei der nächsten Probe war allerdings riesengroß. Ich hatte in Sachen Lautstärke nicht die geringste Chance gegen Schummes und Udos Gitarrenamps. Ich stellte fest, dass das damalige Modell lediglich 35 Watt Leistung brachte. Herr Grünebaum wollte mir nun ernsthaft weismachen, dass es 

sich ja um “amerikanische Watt” handele, worauf ich zornig wurde. Er nahm das Teil zurück, ich legte noch ein paar Scheine drauf und kaufte mir einen Twin-Reverb. Damit hatte ich ein amtliches Pfund am Start, welches das vergleichsweise schwache und unverstärkte Ausgangssignal des E-Pianos wunderbar zur Geltung brachte.

Somit besaß ich nun das Traumduo Fender Rhodes Mark II 73 und den Fender Twin Reverb. Dass ich mir damit ein äußerst schweres Equipment – das E-Piano wiegt über 70 und der Verstärker über 35 Kilo – zugelegt hatte, störte mich zumindest in jungen Jahren nicht. Beides habe ich nie verkauft. Auch wenn das Rhodes Mitte der 1980er dann völlig out war und von vielen Keyboardern verramscht wurde, um sich kleine fiese Plastiksynthies wie den Yamaha DX 7 für über 7.000 DM zuzulegen, ich gab es nicht ab und bin heute äußerst froh darüber. Der einzigartige und bald jedem Musikhörer bekannte Klang des Fender Rhodes E-Piano sollte nämlich später dazu führen, dass es den Stellenwert eines eigenständigen authentischen Instruments erlangte. Nun bin ich mit dem Rhodes schon seit Jahren nicht mehr unterwegs, und es steht wohlbehütet hinter meinem Schreibtisch. Den Amp hingegen nutze ich bis heute bei Gigs. Möglich war mir dieses fantastische Equipment lediglich, weil ich im richtigen Moment mit dem Fahrrad in eine Autotür gedüst war. Sonst wäre vielleicht aus meinen Musikerleben nichts geworden! Bei Unfällen sind es Sekundenbruchteile, die über einen Lebensweg entscheiden können. Meiner verlief nicht zuletzt durch diesen Unfall, so wie ich es mir erträumt habe. Ich hatte mehr als offensichtlich Glück im Unglück.

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